|
FOTOGRAFIE ZWISCHEN INDEX UND EREIGNIS Zwar ist der vermeintliche Realitätscharakter der Fotografie ein Begriff, der von den Künstlern und Theoretikern seit der Erfindung der Fotografie immer wieder in Frage gestellt worden ist, trotzdem zeigt sich nach wie vor gerade bei Pressebildern, Film und Fernsehen eine Bildergläubigkeit, die von einem unumstößlichen Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Fotografie zeugt. Aus diesem Grund löst das Zeigen eines Terroranschlages in der Londoner U-Bahn auf andere Art Entsetzen aus als ein gemaltes Bild einer Katastrophe. Doch die angebliche Authentizität der Fotografie ist anlässlich des Auftretens der digitalen Manipulierbarkeit in Verruf geraten und stellt nicht nur den Referenzcharakter der Fotografie in Frage, sondern sogar die Fotografie selbst.
Als die Fotografie in den 60er Jahren im Umfeld von Land Art, Performance und Happening einen neuen Kunststatus erlangte, hat die fotografische Sichtbarkeit auch einen erweiterten theoretischen Input bekommen, aus der eine bis heute fast ungebrochene Dominanz einer indexikalischen Theorie resultierte. Im Blick auf verschiedene fotografische Phänomene, die sich von der Kunst (Thomas Ruff, Jeff Wall) bis in die Naturwissenschaften erstrecken, kommen jedoch auch Phänomene der Wahrnehmung und des Blicks zum Vorschein, dessen theoretische Fundierung in Bezug auf die Fotografie neu geleistet werden muss. Es gilt, einen phänomenologischen Ansatz zu entwickeln, der den Ereignischarakter der fotografischen Sichtbarkeit in den Blick nimmt und die Fotografie nicht bloß als Weise der Bezugnahme charakterisiert. Dabei wird die Kategorie des Indexes kritisch zu hinterfragen sein, um deren Möglichkeiten und Grenzen bei der Bedeutung von Bildlichkeit zu bestimmen. Gleichzeitig werden anhand ausgewählter fotografischer Positionen Methoden und Fähigkeiten einer Phänomenologie erarbeitet, die bisher ein Desiderat der Forschung geblieben ist. Vor allem mit Maurice Merleau-Ponty und Bernhard Waldenfels sollen die Merkmale der Verschränkung von Bild und Blick betont werden, um den Ereignischarakter des Bildes angemessen beschreiben zu können. Dabei gewinnt die Relation Bild-Betrachter an Wichtigkeit, ohne sich jedoch in einer einseitigen Rezeptionsästhetik zu verlieren. Vielmehr müssen im so verstandenen Bildereignis sowohl produktions- als auch rezeptionsästhetische Momente zusammen gedacht werden.
Die Fotografie changiert dabei zwischen der traditionellen Indextheorie und dem prozessualen Ereignischarakter des Bildsehens. Der Dissertation geht dabei die These voraus, dass der bildlichen Sichtbarkeit eine ästhetische Erfahrung zugrunde liegt, deren zentrale Kategorie die Widerständigkeit ist. Diese Erfahrung, die jenseits des traditionellen Referenzmodells liegt, ist eine Erfahrung, die das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit als Ereignis am Bild selbst thematisiert. WISSENSCHAFTLICHER LEBENSLAUF Mirjam Wittmann studierte Philosophie und Kunstwissenschaft an den Universitäten Berlin, Barcelona und Salamanca. 2002-2004 Tutorin mit Lehrtätigkeit bei Prof. Dr. Hans Poser am Institut für Philosophie der TU Berlin. Sie schloß im August 2005 mit einer Arbeit in Philosophie zum Thema „Der Bildbegriff bei Maurice Merleau-Ponty“ ab. September 2005- September 2006 Jahresstipendiatin am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris mit dem Projekt „Strategien zum Rätsel der Sichtbarkeit. Philosophie an der Schnittstelle zur Fotografie“. Seit Oktober 2006 Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Bild-Körper-Medium. Eine anthropologische Perspektive“ an der HFG in Karlsruhe.
VORTRÄGE „Towards an affective perspective of photography", Symposium „That's what a chameleon looks like", Freie Universität Berlin, Graduiertenkolleg Interart, Februar 2008
„Zur Fragilität des Indexes", Kolloquium Prof. Dr. Herta Wolf, Universität Essen, Februar 2008 „The Skin of Images: Chronotopical Reflections on Cinematic and Photographic Images after Deleuze", Symposium "The itineraries of the image. Practices, uses, functions", University of Mexico-City/Mexico, Oktober 2007 „Über die Brüchigkeit der Referenz", summer school eikones, Nationaler Forschungsschwerpunkt "Bildkritik -Macht und Bedeutung von Bildern", Basel, September 2007 „What's the point of the "Punctum"? What can be seen what cannot be said", Symposium FS-One "Surrendering to the Image - questioning the textual reading of the photograph" an der National Academy of the Arts in Bergen/Norwegen, Februar 2007 „Bewegter Blick. Eine phänomenologische Annäherung an Fotografie", Vortrag im Kolloquium „Fotografie - Bild oder Abbild?" am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris, Mai 2005 „Theorien der Bilder. Semiotik, Symboltheorie und Phänomenologie", Vortrag im Kolloquium „Philosophische Probleme" am Institut für Philosophie der Technischen Universität Berlin, Mai 2004 PUBLIKATIONEN „Une approche phénoménologique de la photographie", in: C'est la photographie qui est menteuse, hrsg. v. Herbert Molderings, Edition de la Maison de sciences de l'homme, Paris, erscheint vorauss. März 2008 „Überlegungen zu einer Hermeneutik des fotografischen Bildes", in: Der Philosoph Hans Poser. Festschrift zu seinem 70. Geburtstag, hg. v. Alexandra Lewendowski, Berlin 2007, S. 114-119. „What's the point of the punctum? What can be seen but cannot be said", in: Surrendering to the image - questioning the textual reading of the photograph, hg. v. Johan Sandborg, Bergen/Norwegen, erscheint vorauss. im Frühjahr 2008 „Marfa", Text für den Fotokünstler Albrecht Kunkel, in: www.albrechtkunkel.de/reviews.shtml
|